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Eisblumen auf dem Gartenteich

Die Entropie eines abgeschlossenen Systems verringert sich nicht von allein.

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www.wissenstexte > Physik-Wissen > Thermodynamik > Entropie I

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Das Paradies bleibt geschlossen

Michaela, die Assistentin für alles Philosophische und Psychologische, Yoga und Wellness. Chronisch unfrisiert liebt sie alles Chaotische, Kreative und möchte deshalb natürlich Leben im Universum haben.
Luzie, die Assistentin aus dem Untergeschoss, zuständig für alles Brennbare und Explosive, ist der Untergang aller Ordnung und Symmetrie und der Ruin der Nerven ihrer Kolleginnen.
Laplacie, der Laplacesche Dämon, der als fleißiger HiWi immer für Ordnung sorgt und für den nur die Quantenmechanik schlimmer ist als das Aufeinandertreffen aller drei Kolleginnen.
Gott, der Chef, der mit unerschütterlicher Ruhe die Kolleginnen und ihre Arbeiten dahin lenkt, wo er sie hinhaben will, zu einer funktionierenden Physik und irgendwann der Entstehung von Bakterien, Quallen, Nashörnern und anderen Lebewesen.
Gabriela, die Assistentin für Naturwissenschaften. Stets exakt frisiert hält sie hochsymmetrische Zustände für den Inbegriff von Schönheit und steht der Idee, Leben und das damit verbundene Chaos im Universum entstehen zu lassen, mit Skepsis, um nicht zu sagen, tief empfundenem Abscheu gegenüber.

„Was um Himmels willen machen Sie hier?!“
Voll bösester Vorahnungen betrachtete Gabriela ein Monstrum aus Seilen, Röhren, Stahlträgern, Kolben, Brennern und undefinierbarer weiterer Bestandteile, aus dem es rauchte, zischte und gurgelte. Ruß- und ölverschmiert tauchte Luzie hinter einem dampfenden Kessel auf.
„Die Kollegin Michaela will‘n mobiles Perpumm bauen. Kannse aber natürlich nich, deshalb muss ich wieder ran. Irre, das Teil, was?“
„Ein ... Wie bitte? Ein Perpetuum mobile?“
„Aber ja!“ Michaela kam zwischen zwei Röhren hervorgekrabbelt und wedelte sich den Dampf aus dem Gesicht, der fauchend aus einem Leck entwich. „Meinen Theorien zufolge wird es in noch nicht einmal 2000 Jahren nach Beginn der Zeitrechnung zu einem gewaltigen Anstieg des Energiebedarfs kommen, die Energiegewinnung wird furchtbare Umweltschäden zur Folge haben. Ganz davon abgesehen, dass sie dann auch bald knapp wird. Um all das zu verhindern, entwerfe ich eine Maschine, die die anfallenden Arbeiten auch ohne Energieverbrauch erledigt. Das wird bahnbrechend, eine soziale Revolution – wenn die Maschine alle Arbeiten erledigt, und zwar ohne Energieverbrauch, muss niemand mehr schuften bis zum Umfallen! Dann läuft alles von allein! Hier zum Beispiel eine Schwarzwälder Kirschtorte!“
Eine Sirene erklang, es ratterte am linken Ende des Monstrums, ein Biskuitboden sauste aus einer Öffnung, landete haarscharf neben dem bereitgestellten Teller und wurde anschließend von flüssiger Sahne übergossen. Die Kirschen blieben in der Öffnung stecken.
„Nun ja, an den Details arbeiten wir noch.“ Michaela wollte ein Stück Biskuit abbrechen, nahm schließlich einen Meißel zu Hilfe und büßte beim Probieren einen Zahn ein. Sie kontrollierte die eingestellte Backzeit. „Hm. 375 Minuten. Hm. Haben Sie mal ein Kochbuch zur Hand?“
„Koch... Sind Sie jetzt völlig durchgedreht? Ein Perpetuum mobile? Das kommt ja überhaupt nicht in Frage! Arbeit verrichten ohne Energie dafür zu verbrauchen! Wie stellen Sie sich das vor! Von nichts kommt nichts! Wer arbeiten will, der muss auch essen!“ Gabriela stutzte einen Moment in dem dumpfen Gefühl, dass ihre Argumentation in eine falsche Richtung abdriften könnte. „Was ich meine, ist, wenn eine Arbeit verrichtet werden soll, muss Energie dafür aufgewendet werden! Sie müssen doch nur mal überlegen, was Arbeit eigentlich ist!“ Gabriela wartete eine Weile auf den gedanklichen Durchbruch in den Hirnen ihrer Kolleginnen, aber weder Michaelas noch Luzies Gesichtsausdruck ließ auf übertriebene Bereitschaft schließen, ihren argumentativen Höhenflügen zu folgen und zu verstehen, was Arbeit ist. Seufzend gab sie sich die Antwort selbst. „Jedes System hat eine bestimmte Menge Energie: Aufgrund seiner Lage in einem Gravitationsfeld hat es Lage- oder potenzielle Energie, aufgrund seines Bewegungszustandes hat es Bewegungs- oder kinetische Energie usw. usf. Dazu kommt die Energie, die es auch dann hat, wenn es weder potenzielle noch kinetische usw. usf. hat, nämlich seine innere Energie. Zur inneren Energie gehört unter anderem die Bewegungsenergie der Teilchen eines Gases oder eines Körpers. Sie wissen ja, dass wir die ungeordnete Bewegung der Gasteilchen als Temperatur wahrnehmen. Das wissen Sie doch noch, oder? Je schneller die Teilchen, desto heißer das Gas. Das heißt, desto mehr innere Energie hat das Gas. Innere Energie kann ein Gas oder auch ein anderes System aber auch in Form von chemischer Energie haben, also Energie, die in chemischen Bindungen zwischen Atomen gespeichert ist. So weit so gut. Die Energie eines Systems kann man nun natürlich ändern. Zum Beispiel, indem man Arbeit an dem System verrichtet oder dieses eine Arbeit an einem anderen System verrichten lässt.“
Luzie tippte sich an die Stirn. „Wie soll denn so‘n Gas was arbeiten? Ham die Moleken vielleicht Hände, um‘n Presslufthammer zu halten?“
Michaela dagegen stemmte schon wieder entrüstet die Arme in die Seiten. „Das sieht Ihnen mal wieder ähnlich – ich versuche hier, den Menschen die Arbeit abzunehmen, und Sie lassen sogar Atome arbeiten!“
Gabriela schloss nur einen winzigen Moment entnervt die Augen. „Ein Gas kann zum Beispiel Arbeit verrichten, indem es sich ausdehnt und dabei einen Kolben bewegt. Umgekehrt kann an einem Gas Arbeit verrichtet werden, indem man den Kolben wieder hineinschiebt und es zusammendrückt. Wenn das Gas sich ausdehnt und den Kolben verschiebt, übertragen die Gasteilchen also ihre Bewegungsenergie auf den Kolben, wenn sie auf ihn stoßen. Die Bewegungsenergie der Teilchen wird in Bewegungsenergie des Kolbens umgewandelt. Die Bewegungsenergie der Teilchen nimmt also ab, was bedeutet, das Gas wird kälter. Anders ausgedrückt, seine innere Energie nimmt ab. Umgekehrt stößt der Kolben, wenn er das Gas zusammendrückt, die Gasteilchen an, erhöht ihre Geschwindigkeit also. Das Gas wird heißer, seine innere Energie nimmt zu. Die Bewegungsenergie des Kolbens wurde also in zusätzliche innere Energie des Gases umgewandelt. Arbeit zu verrichten bedeutet daher zusammengefasst, dass ich Energie von einem System auf ein anderes übertrage. Umgekehrt versetzt die innere Energie eines Systems dieses in die Lage, Arbeit an einem anderen System zu verrichten.“
Noch immer keine Anzeichen großartiger Aha-Erlebnisse. Gabriela überlegte ernsthaft, ob sich die Mühe überhaupt lohnte. Aber dieses Perpetuum mobile musste auf jeden Fall verhindert werden. Und da sie erst kürzlich ein Anti-Aggressions-Training absolviert hatte, versuchte sie es weiter mit Argumenten. Sie schnappte sich ein Brett und einen Balken aus früheren Versuchen, ein Perpetuum mobile zu konstruieren, und baute eine Wippe, nachdem sie vergeblich nach Laplacie Ausschau gehalten hatte. Dann nahm sie den Rest des Biskuitbodens. „Versuchen wir es mit einem anderen Beispiel. Etwas praxisnäher. Dieses ungenießbare Backwerk sollte schnellstmöglich entsorgt werden. Der Abfalleimer steht aber dahinten in der Ecke. Können Sie mir so weit folgen?“
Luzie runzelte die Stirn. „Also wennse glauben, dass ich nu das Dings da in den Eimer trage, nur weilse zu faul zum Arbeiten ...“
„Das ist eine gute Idee! Das muss ich sofort umsetzen – ein Programm für mein Perpetuum mobile zum Sachen-durch-die-Gegend-tragen ...“ Michaela unterbrach ihren Redeschwall. „Was tun Sie da?“
Gabriela hatte den Biskuit auf das eine Ende der Wippe gelegt – das sich daraufhin nach unten neigte –, nahm nun einen herumliegenden Stein und hob ihn hoch. Michaela kreischte und versteckte sich hinter Luzie. Die kam aus dem Stirnrunzeln gar nicht mehr heraus. „Also wennse jetzt mit Steinen nach uns schmeißen, müssense aber wohl ihr Aggressions-Training nochmal machen. Find ich nich gut. Und wenn ich erst zurückgeschmissen habe, finden Sie‘s wahrscheinlich auch nich mehr gut.“
Gabriela bemühte sich, diese unqualifizierten, am Problem vorbeigehenden Beiträge zu ignorieren. Obwohl sie zugeben musste, dass die Interpretation der Kolleginnen sie auf gewisse Ideen brachte.
„Ich habe mitnichten vor, diesen Stein nach Ihnen zu werfen. Sie erinnern sich vielleicht noch, dass unser Problem darin bestand, diesen Tortenboden in den Abfalleimer zu befördern. Dazu muss er sich in Bewegung setzen. Etwas, das sich in Bewegung befindet, hat Energie. Bewegungsenergie nämlich. Oder auch kinetische Energie. Sie wissen, ich bevorzuge Fachtermini. Diese Energie müssen wir ihm zufügen. Auf der anderen Seite hat dieser Stein hier in meiner Hand potenzielle Energie. Damit bezeichnen wir eine Energie, die ein Körper aufgrund seiner Lage hat. Zum Beispiel aufgrund seiner Lage im Gravitationsfeld. Lasse ich den Stein nun fallen, setzt er sich in Bewegung, seine potenzielle Energie wird also in kinetische Energie umgewandelt. Und nun passen Sie auf.“
Michaela lugte hinter Luzie hervor, um nicht zu verpassen, wie der Stein auf das obere Ende der Wippe fiel, dieses nach unten drückte, das andere Ende daraufhin nach oben fuhr und dabei den Tortenboden in die Luft schleuderte. Der flog durch den Raum und landete drei Meter neben dem Abfalleimer.
„Nuja“, stellte Luzie fest, „immerhin isser nu nich mehr so weit zum Eimer zu tragen. Müsssenwer die Wippe eben nochmal dahinten aufbauen und das Ganze nochmal machen.“
„Himmel, es ging doch nicht darum, den Eimer zu treffen!“
Luzie tippte sich an die Stirn. „Es ging also nur darum, den Biskuit quer durch den Raum zu schleudern? Wozu soll‘n das gut sein?“
Die Wirkung von Gabrielas Anti-Aggressions-Training ließ rapide nach. „Es ging darum, zu demonstrieren, was Arbeit ist! Arbeit im physikalischen, im mechanischen Sinne! Mechanische Arbeit bedeutet zum Beispiel, einen Körper in Bewegung zu setzen oder ihn im Gravitationsfeld anzuheben, ihm also Energie zuzuführen. Wir haben also den Biskuit in Bewegung gesetzt. Genau genommen hat das der Stein getan. Zunächst habe ich dem Stein potenzielle Energie zugeführt, indem ich ihn im Gravitationsfeld des Labors angehoben habe. Dabei habe ich Arbeit an dem Stein verrichtet. Diese potenzielle Energie hat er beim Fallen in Bewegungsenergie umgewandelt und sie dann auf die Wippe übertragen, wodurch zunächst die sich in Bewegung setzte. Der Stein hat also die Bewegungsenergie der Wippe erhöht. Er hat demnach an der Wippe Arbeit verrichtet. Er selbst verlor dabei Energie. Wie man deutlich sieht, er liegt ja jetzt unten und hat entsprechend weniger potenzielle Energie. Und bewegen tut er sich auch nicht mehr – das sollten sogar Sie sehen. Die Wippe hat dann am Tortenboden Arbeit verrichtet, indem sie diesen in Bewegung versetzte. Der Tortenboden hat also kinetische Energie dazubekommen. Insgesamt wurde also die potenzielle Energie des Steins auf den Tortenboden übertragen, allerdings als kinetische Energie. Und diese Energieübertragung, dieser Austausch von Energie zwischen Stein und Tortenboden ist Arbeit! Wenn ein System – der Stein – Arbeit an einem anderen – dem Biskuit – verrichtet, überträgt es einen Teil seiner Energie auf dieses andere System. Haben Sie das verstanden?“
Michaela sah skeptisch durch ihre Haarmähne. „Ja, aber was hat das denn nun mit meinem Perpetuum mobile zu tun?“
„Wie bitte? Ich rede und erkläre hier stundenlang und Sie fragen mich ... liebste Kollegin, wenn Sie Arbeit verrichten wollen, also Energie auf etwas übertragen wollen, muss irgendetwas anderes diese Energie erst einmal abgeben, bevor Sie sie weitergeben können! Deshalb kommen Sie auch mit Ihrer Maschine nicht um Energieverbrauch herum.“
Michaela stützte entrüstet die Arme in die Seiten. „Ich stelle hier dumme Fragen? Sie sind es, die mal wieder gar nichts begreift! Die Energie kommt doch aus dem Perpetuum mobile! Das ist doch das Geniale! Es erzeugt neue Energie aus dem Nichts, die dann für die Arbeit verwendet werden kann! Diesen ganzen Schnickschnack von wegen ‚was anderes muss Energie abgeben‘ – das brauch ich nicht! Ich erzeuge meine Energie selbst! Sehen Sie!“
Michaela riss der sprachlosen Kollegin ihre Unterlagen aus der Hand, blätterte sie durch, wobei sie die Zettel, die sie für weniger wichtig hielt, einfach fallen ließ und wedelte mit einem Blatt vor Gabriela herum. „Hier – diesen Epott und dies Ekin! Das kriege ich ganz einfach aus meiner Maschine!“ Sprach‘s und drückte auf zwei Knöpfe.
„Geben Sie mir sofort meine Unterlagen wieder! Was fällt Ihnen ein! Sie ...“ Gabriela musste ihren Protest unterbrechen und sich in Sicherheit bringen, denn aus einem Rohr kam eine Kanonenkugel geschossen und entschwebte sofort in unendliche Entfernung zum Gravitationszentrum. Aus einem anderen Rohr floss eine weiß glühende Metallschmelze in einen Bottich. Während Gabriela die Kanonenkugel mit dem Fernrohr verfolgte, verglich Michaela die Schmelze mit Gabrielas Notizen. Aber egal, wie herum sie sie hielt, irgendwas stimmte da nicht. „Oh, der falsche Knopf. Das da ist Etherm. Macht aber auch nichts.“
Gabriela blieb die Luft weg ob so viel hartnäckigen Wider- und Unverstands. Fassungslos betrachtete sie die beiden Energien, die diese unsägliche Maschine wider alle Vernunft ausgespuckt hatte. Potenzielle und thermische Energie aus dem Nichts erzeugen! So etwas konnte auch wieder nur dieser fürchterlichen Person einfallen.
Luzie bekam schon ernsthaft Angst, ihre Lieblingsgegnerin zu verlieren und sah bereits eine äonenlange langweilige Zukunft vor sich, als Gabrielas Atmung wieder einsetzte.
„Energie erzeugen? Aus dem Nichts? Einfach so? Aber das kommt überhaupt nicht in Frage! Wie können Sie es wagen! Wir haben eine bestimmte Menge Energie ins Universum hineingesteckt und mehr gibt es nicht! Nur damit darf gewirtschaftet werden! Chef – wo ist der Chef?“
„Papperlappap! Arbeit ohne Energieverbrauch! Das ist wunderbar – das ist geradezu ein erstklassiges Paradies!“
„Und genau das ist geschlossen, wie Sie sich vielleicht erinnern! Ich muss ... ich werde ...“
Gabriela fegte zur Tür hinaus, während Luzie sich die Hörner kratzte. „Ich bastel hier also mit am Paradies? Hatte ich irgendwie anders in Erinnerung ...“ Nachdenklich betrachtete sie das Monstrum, drückte hier, zog da, nahm gelegentlich den Pferdehuf zu Hilfe, wenn eine Schraube oder ein Ventil zu widerspenstig waren, und machte in das ein oder andere Rohr einen Knoten. „Upps.“ Sie wischte etwas violetten Schlamm von ihren Hörnern. „Und wenn ich hier mal etwas mehr drehe ...“
„Aber, aber meine Damen, was haben Sie denn mit der armen Gabriela gemacht? Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich schon mal zu Hilfe geholt hätte. Was tun Sie denn hier so fürchterliches? Ah ja. Ein Perpetuum mobile. Nun, das hatte ich in der Tat nicht vorgesehen. Upps, kann es sein, dass es noch nicht richtig funktioniert?“ Gott fand sich in einer grüngelben Dampfwolke wieder, während das Monstrum in einem Kreischen den Geist aufgab. (Luzie wusste jetzt, was passiert, wenn man hier mal etwas mehr dreht.)
„Das sind Kleinigkeiten, die kriegen wir noch hin. Aber stellen Sie sich doch bloß mal vor – alle Arbeiten werden erledigt, gewissermaßen von selbst! Wir brauchen keine Energie dazu aufzubringen, weil mein Perpetuum mobile die benötigte Energie selbst erzeugt, niemand muss sich mehr anstrengen – paradiesisch!“
Gott wedelte den grüngelben Dampf beiseite. „Sie halten es für paradiesisch, nie wieder was zu tun zu haben? Ach, ich weiß schon, Sie machen dann von morgens bis abends Fitness. Müssen wir da alle mitmachen?“
„Natürlich müssen Sie! Ohne tägliche körperliche Tätigkeiten werden Sie schlapp und setzen an. Sie müssen Ihre Freizeit natürlich aktiv gestalten – Seidenmalerei, Walken, angeregte Gespräche auf Stehpartys über moderne Kunst ...“
„Hm. Darf ich nicht doch lieber arbeiten?“
„Also ich würd ja eher ...“
„Ja, liebe Luzie, wir können uns alle in etwa vorstellen, womit Sie sich die Zeit vertreiben würden. – Aber wie würde sich so ein Perpetumm mobile auf unsere weiteren Projekte auswirken? Auf die Nashörner und Quall...“
„Gut, dass Sie mich daran erinnern!“ Michaela warf Gabrielas Unterlagen weg und zog einen Wust Zettel aus ihrer Gewandtasche. „Lebewesen als Perpetuum mobiles! Perpetuums mobile? Perpetuumme? Egal. Das ist die einfach phänomenale Weiterentwicklung, die ich für morgen angedacht habe – Lebewesen bräuchten keine Energie aufzunehmen, damit wären sie unsterblich! Ist das nicht herrlich!“ Verzückt sah sie ihre KollegInnen an. „Sie brauchen keine Energie aufzunehmen, also nichts zu essen und können nicht verhungern! Damit brauchen sie auch nicht zu jagen, zu pflügen, Computer zu programmieren ...“
Gabriela sah aus, als hätte sie sich einen Noro-Virus eingefangen, und überlegte, ob die Einführung von Seuchen inklusive dem Dahinsiechen an Typhus, Cholera und Artverwandte den Plänen der Kollegin nicht trotzdem den Garaus machen könnte. So eine anständige Pest sollte doch auch ein Lebewesen beseitigen, das keine Nahrung braucht. Keine Energie zum Leben aufnehmen zu müssen, war das eine. Simple Zerstörung von außen das andere. Und was war mit ganz gewöhnlichem materiellem Verschleiß? Sie sollte sich zwischenzeitlich mit etwas Biologie befassen.
Gott strich sich stirnrunzelnd über den Rauschebart. „Alle. Unsterblich. Wird dann ziemlich voll auf der Erde, oder? Mit Fortpflanzung ist es dann wohl nichts. Aber wie kriegen wir dann eine Weiterentwicklung hinein? Ich hatte mir so eine Art selbstlernendes System überlegt. Mit Anpassung und Evolution.“
„Warum denn so umständlich, Chef, wir fangen gleich oben an! Gleich mit den vernünftigsten Wesen und überlassen ihnen die kulturellen Entwicklungen!“
„Und die vernünftigsten sollen bitte schön welche sein?“ Gabriela hatte ihre Unterlagen und ihre Stimme wiedergefunden.
„Kulturelle Entwicklungen. So etwas wie Parlamentsdebatten, Bücher schreiben und Computer programmieren. Glauben Sie, das entwickelt sich, wenn sich niemand für sein Überleben anstrengen muss? Ich fürchte, dann sitzen alle nur auf dem Sofa und essen Chips. Also ich komme zu dem Schluss, der lieben Kollegin Gabriela ausnahmsweise mal zuzustimmen. Arbeit aus dem Nichts, das lassen wir bleiben.“
„Das, Chef, sollten wir auch gleich grundsätzlich festlegen, ein für alle Mal.“ Gabriela schlug ihr Laptop auf.
„Sie meinen so eine Art Grundgesetz für das Universum?“
„Ich dachte da eher an einen Hauptsatz. Den ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Die Energie in einem abgeschlossenen System bleibt erhalten. Das bedeutet, dass sich innerhalb eines solchen Systems zwar eine Energieform in eine andere umwandeln kann – so wie ich das eben am Beispiel der Umwandlung von potenzieller in kinetische Energie demonstriert habe –, aber es kann keine Energie aus dem Nichts entstehen oder dahin verschwinden. Wenn in einem System die Energie zunehmen soll, muss sie also zwangsläufig von außen zugeführt werden. Womit die Energie dann dort draußen entsprechend abnimmt. Umgekehrt muss, wenn die Energie im System abnehmen soll, diese überflüssige Energie nach außen abgeführt werden, wodurch sie dann irgendwo da draußen im gleichen Maß zunimmt. Aber in der Gesamtsumme von außen und innen bleibt sie erhalten. Und da definitionsgemäß aus einem abgeschlossenen System nichts heraus kann und auch nichts hinein, muss die Energie darin erhalten bleiben.“
Gabriela war zufrieden, während die anderen etwas stirnrunzelnd versuchten, ihrem Redeschwall zu folgen.
„Ach so. Sie meinen, wenn ich das System ‚Teekessel mit kaltem Wasser‘ auf den Herd stelle, ändert sich am System ‚Teekessel mit kaltem Wasser‘ erstmal gar nichts. Damit aus dem Inhalt heißes Teewasser wird, muss ich den Herd anschalten und dem Kessel Wärme zuführen. Der Herd seinerseits erzeugt die thermische Energie mit Hilfe von elektrischer Energie. Die muss ja auch irgendwo herkommen. Meinetwegen aus einem Berg Steinkohle in einem Kraftwerk, der dort verbrannt wird. Es wird also die chemische Energie der Kohle in thermische Energie verwandelt. Mit der Hitze wird heißer Dampf erzeugt, der Turbinen antreibt, die wiederum einen Generator antreiben. Hier dreht sich immer was, wir haben jetzt also kinetische Energie. Und der Generator erzeugt aus dieser kinetischen Energie die elektrische Energie der Herdplatte, die zum Schluss dem Wasser die Wärme zuführt. In der Summe wird also die Energie aus der Kohle herausgeholt und in das Teewasser hineingesteckt. Die Kohle hat Energie verloren, das Wasser welche gewonnen. Man muss also das Gesamtsystem aus allen Beteiligten vom Kraftwerk bis zum Teewasser betrachten. Und in dem bleibt die Energie erhalten.“ Gott runzelte die Stirn. Irgendetwas störte ihn noch an diesem Energie-umwandeln, das musste er sich noch mal genauer ansehen. Da war möglicherweise noch so ein Hauptsatz erforderlich.
„Aber was machen wir jetzt mit denen?“ Gott deutete auf die Kanonenkugel und die Metallschmelze.
„Die schicken wir dahin, woher sie gekommen sind!“ forderte Gabriela finster.
„Hm. Ich fürchte, das geht nicht. Nach Ihrem schönen neuen Hauptsatz kann Energie auch nicht einfach so verschwinden. Die müssen wir jetzt wohl behalten und irgendwie sinnvoll beschäftigen.“
„Mein Paradies – Sie haben mein Paradies zerstört ...“ Michaela war noch unschlüssig, wen sie als Hauptverursacher zur Verantwortung ziehen sollte. „Es hätte so schön werden können ... aber ...“ Stirnzunzelnd hob sie den Kopf, betrachtete die beiden von ihrem Perpetuum mobile erzeugten Energien und dachte eine Weile nach. Dann schnappte sie sich Kugel und Schmelze und verließ mit ihnen den Raum.

(Zur Fortsetzung zum 2. Hauptsatz)

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© Wiebke Salzmann, April 2009

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